Elena Becker MA

Das wiederhergestellte Abstrakte oder: der herrschende Zustand

>> Seit Anbeginn der „Corona“-Krise wechselt weltweit, wie in Deutschland:“gute (?) Grausamkeit“(J.-F. Lyotard)1 mit -diesbezüglich- „agitatorischer Schlichtheit“(Th.W. Adorno)2 ab, mit der sich (u.a.) die „Afd“ mit Parolen wie „politisches Theater“ gegen die geltenden Maßnahmen „stark“ macht.

Die teilweisen Lockerungen, die v.a. den Grenzverkehr, den Tourismus und die Einreise von Saisonarbeitern aus dem Ausland betreffen, die nachweislich nicht infiziert sind, können jederzeit wieder revidiert werden.

Das Bundesverfassungsgericht wies „gegensätzliche“ Klageanträge diesbezüglich ab.

Außenpolitisch bleibt das Verhältnis zwischen den Machtblöcken USA und China unverändert „kritisch“.

Die USA, die staatliche „Schutzmaßnahmen“ gegen die Pandemie u.a. landesweite Corona-Tests einführen will, um den Normalzustand „wiederherzustellen“(Lyotard)3, bezeichnet China nach wie vor als verantwortliche „Quelle“(Lyotard)4 und „appellierte“ an die chinesische Regierung, sich dieser Verantwortung entsprechend zu verhalten.

Ein Sprecher der „WHO“ gab indessen trotz verschiedener „Durchbrüche“(E. Bloch) in der Produktion eines frei verfügbaren Impfstoffs eine pessimistische Vorhersage ab: seiner Einschätzung nach könnte das Virus für immer einheimisch werden.

Es ist vom gegenwärtigen Standpunkt aus „ungewiß“, ob das Statement des WHO- Referenten, wonach das für die Pandemie „verantwortliche“5 Virus -nicht- wie erhofft wieder „verschwindet“, „nur“ eine subjektive Ansicht wiedergibt oder eine- objektive- Realität „aussagt“.

Unter der inversiven, dabei multiplen m.a.W. ent-differenzierenden Einwirkung der „neuen“ Erkrankung, die u.a. das „geistige“ Organ (Gehirn) befällt, könnten jedoch alle sprach-logischen Ausdrucksmittel ihren determinalen Charakter einbüßen und sich „verflüssigen“(Lyotard).

Die kategorialen Gegensätze(!) und -dimensionalen, positionalen- Unterschiede wie „Subjekt“ und „Objekt“ diffundieren unterschieds-los je mehr nach außen, als ein -partikulares- Element (H. Marcuse)6 das osmotische (Gegen-)Gewicht im Systeminneren einnehmend bestimmt.

Das -spezifisch in den „Bereich des Subjektiven“(J. Dewey)7 verwiesene- „Problematische“ (J. Dewey/I. Kant) dieser -ganzen- Situation entspringt nicht zuletzt und eigentlich aus dieser dynamischen, nach außen gestülpten (Seiten-)Verkehrung, die einen embryonalen Entwicklungsabschnitt wie ebenso archaische Zustands- bzw. (alte) „Lebensformen“ (M. Horkheimer)8 re-generiert.

Sie verleiht sich darin eine -chronisch und endlos wiederkehrende- „dionysische“ (Un-)Gestalt (G. Deleuze/ Der Faden)9, die sich derart in ihrer „ideologischen Maske“(Deleuze/ Adorno)10 de-monstriert.

Davon affiziert ist nicht allein das „körperliche“ und in-formale Medium der -“subjektiven“- Erkenntnis oder „Wahrnehmung“ (engl. „awareness“, Dewey), sondern die immanente, Th.W.Adorno:“unheilvolle“ Gesellschaft selbst:

„Das überdehnte und bereits an seiner Stelle problematische Kriterium sinnlicher Anschauung ist“, wie Adorno11 feststellt, kein Kriterion.

Es ist nicht, Adorno:“auf das radikal Vermittelte, die Gesellschaft anzuwenden; ihm entzieht sich, was ins Objekt als dessen Bewegungsgesetz einwanderte, notwendig verdeckt von der ideologischen Gestalt des Phänomens.“(Th.W. Adorno. Negative Dialektik. S. 206)

Das „Kritische“ einer -gesellschaftlichen- (Gesamt-)Situation ist nicht mit einer (Sich-)“Gegenüber“-Stellung des „subjektiv-kritischen Moments“(Adorno, ebd.) zu verwechseln, für das oder dessen „Subjekt“-Signifikant (Lyotard/Deleuze), sei es der „Platz des Königs“(M. Foucault/N. Luhmann), sei es in „demokratischen“ Systemen: der „Öffentlichkeit“(Luhmann)12 reserviert oder „besetzt“ ist.

Auch in den reinen Extroversionen, die sich nicht auf einen „abstrakten“ Sozius (Lyotard, S. 124) und seine -signifikanten- Ordnungs- und (a-kategorialen, Deleuze) „Verteilungs“- Kriterien reduzieren lassen, sind die Verhältnisse, die dabei resultieren, aus der Sicht der „Kritischen Theorie“(Adorno/ Marcuse/Horkheimer) durchweg un-kritisch und repressiv.

Th.W. Adorno:“In Gestalt der Registriermaschine, der Denken sich gleichmachte und deren Ruhm es am liebsten sich ausschalten möchte, erklärt Bewußtsein den Bankrott vor einer Realität, die auf der gegenwärtigen Stufe (nicht) anschaulich gegeben ist, sondern funktional, abstrakt (! in sich).“(ebd., S.206)

In den „historischen“ Phasen einer einsetzenden Industrialisierung oder -technischen- Revolution stellte v.a. die Technik ein -“neues“- Moment einer -J.P. Sartre („Kritik“)- „ablaufenden (diachronen) Totalisierung“13 dar, in der sich das gesellschaftliche („Praxis“-)Feld für das -“souverän“ gewordene- Individuum oder („Träger“-)Subjekt enthüllte und – Kant: „problematisch“- „erweiterte“(Sartre).

Dieser de-totalisierende (Sartre) Pro-greß bündelte im -“quantitativen“- Prozeß also alle „zentrifugalen“(H. Marcuse) und korpuskularen Kräfte zu einer einzigen „realen Kraft“(Marcuse)14, die das (sog.) Abstrakt-Konkrete (Marcuse) konstituiert, ohne dabei eine Konstellation oder „Krisis“ des von „außen(?) eingedrungenen“(Dewey)15, geist-losen (tödlichen, Hegel)16 Abstrakten zum un-lebendigen Konkreten, außer in der (symbolischen) Kunst, anschaulich und transparent zu machen.

Endgültig gilt dies im „Rahmen“ der quanten-mechanischen Kausalität und der „mirkologischen“ Realitätsbeschreibung.

Die -J. Lacansche- Theorie des „gespaltenen Subjekts“(Lyotard, S. 124) steht mit der technisch-wissenschaftlich bedingten Transformation der Realität und ihren -objektiven- Kategorien, mit der „analytischen Auflösung“(Marcuse, S. 219), der sich im per-inversiven, ent-substantialisierten und „hypostasierten Ganzen“(ebd.) deren -“konkreter“ Grund (ebd.)- (H. Marcuse:) „widersetzt“(ebd.) zwar in einer (un-)gewissen Korrelation, aber nicht in einer „rationalen“ d.h. selbst transparenten „Kohärenz“(R. Rorty).

In dieser zum -objektiven- Wert und „Maßstab“ erhobenen Selbstdisziplin des Pragmatismus, der sein „Heil“ in der Kohärenz sucht, muß auch dieser zurückstecken.

Aber die „Einsicht“ der etwa mit dem -R. Rorty-: „Appell, (wir) sollten unsere derzeitigen Überzeugungen durch Gleichbehandlung von Frauen und Männern kohärenter gestalten“17 verbundenen Unmöglichkeit oder, Rorty:“Akt der Phantasie [bzw.] die einzige Zuflucht.“(ebd.) führt dazu, auch jede -gesellschaftliche oder historische- „Fundierung“(Rorty, S. 246) des (transzendentalen) Subjekts als „kritischer“ Instanz fallen zu lassen.

An seine, u.a. in I. Kants Transzendentalismus oder Hegels Idealismus system-tragende (relevante) Position rückt die resümierende begriffliche „Verallgemeinerung“(Rorty, S. 247), die, R. Rorty ausdrücklich:

“den Sinn [haben], die Prognostizierbarkeit und damit die Macht und Leistungsfähigkeit unserer Institutionen zu steigern, wodurch auch“, so lautet Rortys Petitio Principii, „das uns in einer moralischen(!) Gemeinschaft vereinigende Gefühl der gemeinsamen moralischen(!) Identität verstärkt wird.“(R. Rorty. Wahrheit und Fortschritt. S. 247)

Seltsam jedoch, daß dieses „vereinigende Gefühl“ in der allgemein-begrifflichen Formulierung, die den „reale(n) Geist“(Marcuse, S. 229) paraphrasieren, auf eine solche -(neo-)archaische (Lyotard/Deleuze)- Fundierung rekurriert, die dann z.B. „die Nation“, „die Partei“(Marcuse, S.229) heißen, ohne darin in ihre -partikularen- Konstituentien oder -externen- Relationen (Referenzen) auflösbar zu sein. Jenseits -oder diesseits- aller (Marx´schen) Prognosen, die eine (H. Marcuse:) „qualitative“ Veränderung mit dem „Verschwinden“(Marx/ Marcuse) -des Staates (!Marx)-konjungieren, attestiert H. Marcuse diesem

„reale(n) Geist... eine sehr gewaltsame Realität, die der getrennten und unabhängigen Macht des Ganzen über den Individuen. Und dieses Ganze ist nicht nur eine wahrgenommene Gestalt (wie in der Psychologie), auch kein metaphysisches Absolutes (wie bei Hegel) noch ein totalitärer Staat (wie in unzureichender politischer Wissenschaft)- es ist der herrschende Zustand, der das Leben der Individuen bestimmt.“(H. Marcuse. Der eindimensionale Mensch. S. 219)

Diese „Realität“(Marcuse, S, 218) , die nicht nur die des extern, quasi von außen einwirkenden Staates und -allgemein- der „souveränen“ Gesellschaft („Öffentlichkeit“) umfaßt und repräsentiert, ist bzw. war bis dato:“ein Rad, in das nichts eingreift“, wie der Pragmatismus (R. Rorty) sich zu versichern pflegt.

Eine ebenso abstrakte Realität wie „segmentarisierte“ Strukturtotalität(G. Deleuze) aber, die über -negative- „Sanktionen“(N. Luhmann) d.h. Strafen wie seinerzeit das „Rädern“(E. Bloch)18 und “Neuheiten“ wie die -objektive- „Schutzstrafe“(Bloch), der sich die subjektive „Schutzhaft“ ergänzt, disponiert und in -signifikante, topologische- (Macht-)„Zentren“ zerteilt und gebrochen (!) ist, die von informell (etc.) korrelierten Subjekten besetzt sind, G. Deleuze:“wie z.B. eine(n) kleinen Chef,..., eine(n) Gefängnisdirektor, eine(n) Richter, eine(n) Gewerkschaftsvertreter, eine(n) Chefredakteur [etc.].“(G. Deleuze. Der Faden ist gerissen. S. 96) E.B.