Elena Becker MA

Aus: ©Elena Becker v. Hag. Die Forscherin oder das Experiment. Romanerzählung.

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Die weiße Fläche, die das Flugzeug überflog, ließ nicht locker. Sie beanspruchte die ganze untere Hälfte, die sie wie eine Fessel festhielt. Dann gab ihr Druck plötzlich nach, wurde schwindelig, trudelte, fiel mit ihrer ganzen Last wie ein Klotz, um das Flugzeug schleunigst von gegenüberliegender Seite her einzuholen.

"Wird Ihnen schlecht?" fragte der Pilot, der nur eine Kurve flog. Nein, nur auf der Überfahrt mit dem Schiff war ihr übel geworden.

Die Eisfläche dauerte an, nur von ein paar zickigen schwarzen Linien zerfurcht, um sich zu pellen.

"Ist auf dieser Route schon einmal ein Flugzeug abgestürzt?"

"Haben Sie auch den Schiffskapitän danach gefragt, ob sein Schiff schon einmal gesunken ist?"

Er wußte natürlich, was sie meinte und grinste ein ebensolches Grinsen, siegesgewiß wie das Eis.

Deswegen schien ihn das Eismeer hier zu dulden, weil er wurde wie es.

Er war die Strecke schon unzählige Male geflogen, sagte er.

Er hatte Eskimoaugen. Die Insel, auf der sich die Forschungsstation befand, war dabei nur ein Abstecher.

Er flog sie nur an, wenn er Leute dorthin brachte oder abholte.

Alle, die er geflogen hatte, hatten auf dem Hinflug so ein verkniffenes Gesicht auf wie sie.

Ihnen stand ein Entschluß im Gesicht geschrieben, mit dem sie alles zurückgelassen hatten, für etwas Unwirkliches, das sie sich nicht eigentlich vorstellen konnten.

Für manche war das sicherlich genauso, als hätten sie sich für den Tod entschieden, nur einen, bei dem sie nichts dafür tun mußten.

Erst kam die Furcht, dann kam die Neugier, dann wieder die Furcht angetappt.

Sie alle hatten dieses Wechselbad durchgemacht, auch wenn sie es nicht immer zugaben.

Es gab natürlich welche, die taten in allem unerschütterlich.

Die zogen das einfach durch, weil sie es aus irgendeinem Grund für nötig hielten.

Sie leisteten dort Forschungsarbeit, es konnte hier wie anderswo sein.

Dabei bedauerten sie es innerlich vielleicht sogar, daß sie das Leben zu spät losgeschickt hatte, sonst hätten sie womöglich auch noch die Gelegenheit gehabt, auf den Mond mitzufliegen.

Was nicht ist, kann ja noch immer werden und inzwischen nahmen sie eben mit dieser schäbigen Insel vorlieb.

"Aber Sie werden überrascht sein. Das sind die Leute immer. Sie erwarten dort einen Bunker oder so etwas."

"Und was ist es in Wirklichkeit?"

"Na, ein Bunker."

Er fand das komisch. Auf seinen einsamen Flügen heizte er sich wahrscheinlich mit diesen Witzen selbst ein, um nicht da draußen umzukommen.

Die Luft war klar wie ein Kristall, zu dem sie wahrscheinlich sogar erstarrt war und dabei ein kaltes Licht gefangenhielt, das noch zwei Monate lang brannte bis Mitternacht.

Dann erst durfte die Sonne untergehen.

Die Insel tauchte in ihrem Fenster wie ein Irrtum auf, wie die Zecke des Lebens, die sich hartnäckig im Panzer dieses Ungeheuers verbiß und sich durch nichts abschütteln ließ.

Das Stück Land war zunächst wirklich nicht mehr als ein frecher, dunkler Pickel.

Der Rücken, auf dem er sich zeigte, war so groß und breit, daß er sich nicht darum scherte und das war ein fataler Fehler gewesen.

Denn von jetzt an gab es kein Zurück mehr.

Das Leben war da, es ergriff von den Felsen Besitz, auf denen es sich verbreitete und überwucherte.

"Verdammt, was ist das?" fragte sie sich, weil sie dem, wovor sie soeben erschrak, einen Laut geben mußte.

"Das ist Ihre Forschungsstation, die Insel, auf die ich Sie hinbringen sollte."

Die Insel war größer, als sie inmitten des Eises, das das Stück Land ringsum belagerte, zunächst erschien.

Ein Gebirgsmassiv richtete sich darauf auf und schob trotzig das Wasser zurück, das sich im Anflug verflüchtigte.

Wodurch machte man sich von der Freundlichkeit einen Begriff?

Diese Insel war schroff, zerklüftet und abweisend.

Aber trotzdem verweigerte sie es nicht, sich auf ihr niederzulassen und sich dort einzurichten.

"Haben Sie sie gesehen?"

"Was?"

"Die Station, da, hinter dem Kamm. Ich fliege noch einmal darüber."

Er tat es und sie sah das zuckende Rechteck, eine Kappe, die sich nur wenig über den Boden erhob und sich kaum von der Farbe der Felsen unterschied.

Lediglich eine Antenne ragte einige Meter gestreckt in die Höhe.

Es war tatsächlich ein Bunker, der zum größten Teil in den Boden eingegraben war.

Der Pilot war nur darüber hinweggeflogen, um ihr zu demonstrieren, daß er mit seiner Behauptung Recht behielt, denn jetzt steuerte er wieder das offene Wasser an, an eine Stelle, wo zu Land ein weißes Boot festgetaut war und schaukelte.

Das Flugzeug landete im Wasser, von wo es auch aufgestiegen war. Aber Landen war nicht der richtige Ausdruck. Es wasserte.

Natürlich war dort jemand, jemand, der die letzten Monate auf der Forschungsstation verbracht hatte und den sie nun ablösen würde.

Er würde mit dem gleichen Flugzeug zurückfliegen, mit dem sie jetzt kam.

Dieser Jemand, der der Ankunft des Flugzeugs mit unbekannten Gefühlen gegenüberstand und sich ebenso darauf vorbereitet hatte, diese Insel zu verlassen wie sie, dort zu bleiben, hatte schon während des Vormittags mit dem Flugzeug gerechnet. Aber der Flug war verschoben worden, weil ein Teil der Fracht, die das Flugzeug transportieren sollte, noch nicht eingeladen war.

Regelmäßigkeit hatte hier eine andere Bedeutung als anderswo. Es hatte nichts mit der Unzuverlässigkeit der Menschen zu tun, obwohl sie in vieler Hinsicht Gelassenheit angenommen hatten.

Aber sie hatten sie angenommen, weil die Umstände sie dazu zwangen, Witterung, der sie sich anpassen mußten und schließlich der Tatsache, daß sie sich hier am Ende der Welt befanden, am Ende aller Wege, die jede kleinste Verzögerung um einen Faktor multiplizierten, den die Menschen nur durch Ahnung kannten, nicht aber Gewißheit.

E.B.