Aus: ©Elena Becker v. Hag.

Der Ingenieur.(Nemec).

Roman

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Alles blieb in steter Bewegung, in einem elastischen Fluß.

Nur der Turm.

Nur er ragte steinern empor, unerschütterlich und unbeweglich.

Er stellte sich vor das schwächere Schiff des Domes, das sich schutzsuchend hinter ihm verbarg.

Herausfordernd, heroisch.

Er war das Monument der Ewigkeit.

Er war nicht der Finger des Menschen, der demütig auf Gott, seinen Schöpfer gerichtet war und Himmel und Erde verband.

Die, die ihn so nannten, verkannten seine wirkliche Absicht.

Hier war das pure Gegenteil manifestiert.

Es war eine Provokation, die dem Unermeßlichen galt, mit dem es sich maß.

Und es war, und dessen war er sich voller Stolz bewußt, es war das sichtbare und überdimensionale Denkmal seiner Familie.

Es war eine Tatsache, die seinen Stolz rechtfertigte, keine Anmaßung.

Er war nicht von Natur aus überheblich.

Er wußte nur einfach, ohne, daß es ihm darauf ankam, diese Tatsache andere wissen zu lassen, daß seine Vorfahren zur Zeit der Erbauung des Domes aus dem Nachbarland gekommen waren, um hier Arbeit zu finden.

Über Generationen hinweg hatten sie ihr Leben daran gesetzt, diesen Bau fertigzustellen.

Der Dom war ihr Lebenswerk gewesen, sein Bau etwas, das sie über die Erschütterungen ihrer Zeiten hinweg, Zerstörungen, Hungerphasen, Krankheiten, aufrechterhielt und ihnen entgegenleuchtete wie ein Signal aus ferner Zukunft.

In den Zeiten der Not war der Bau des Domes das Entbehrlichste.

Und dennoch führten sie Steuern für seine Errichtung ab, die ihnen von der Obrigkeit auferlegt wurden.

Denn der Dom war Symbol dessen, was sie über alle Gegensätze hinweg vereinte.

Das wußte er.

Und seine Familie war es, die hier zunächst als einfache Bauarbeiter, Gehilfen, dann als Steinmetze und Baumeister fungierten.

Der Bau hatte Handwerke und Berufszweige entstehen lassen und sie hatten sich ihm, von Generation zu Generation, mit ganzer Energie verschrieben.

Der Bau war Grund, Sinn und Zweck der Existenz seiner Familie gewesen, mehr, ihr Fundament.

Er war das Prinzip ihres Überlebens, bis hin zu dem beinahe unglaublichen Zeitpunkt, bis zu dem erwarteten und dennoch unfaßbaren Tag seiner Vollendung.

Über sämtliche Verzweigungen hinweg war der Name Nemec mit unauslöschlicher Schrift in die Annalen des Baus eingetragen, durch den tagtäglich ein Schwall von ignoranten Touristen geschleust wurde, die, in Bussen herangekarrt, von weither kamen, das einmalige Bauwerk zu besichtigen.

Die Chronik der Errichtung konnte nicht ohne die Namen derjenigen erstellt werden, die im Halbdunkel des Gebäudes immer noch wie Phantome umhergingen, die ein plötzliches Licht aus dem Bann der Versteinerung löste.

In der Phantasie seiner Kindheit hatte er, der schmächtige Junge, bevor er dann, in den späteren Jahren "kräftig zulegte", die Geschichte seiner Familie gleich der Decke der Sixtinischen Kapelle farbenprächtig und mit legendenhaften Details ausgeschmückt.

Er hatte sich ausgemalt, wie seine Vorfahren, deren Gesichtszüge er aus seinem Spiegelbild rekonstruierte, aus dem Nichts ihrer Unbedeutsamkeit, zerlumpt, arm, ausgehungert, in die Stadt der Händler, Gaukler und Taschendiebe gelangt waren, auf einem scheppernden, alten Wagen, der von einer knöchrigen Schindmähre gezogen wurde.

Wie sie hier zuerst auf Strohlagern ihre Nächte verbrachten, bevor der Bauleiter sie auf die Lohnliste setzte.

Dann waren sie, ganz allmählich, zu Wohlstand und Ansehen gekommen.

Der Vorstand der Familie hatte seinen Sohn bei den Bauleuten eingeführt und ihn dort ein Handwerk erlernen lassen, das er bis zu seinem Tod ausübte.

Schließlich waren sie, mit jedem ihrer Söhne, die ein ortsansässiges Mädchen heirateten, in der Hierarchie der Berufe nach oben gelangt, ebenso, wie die Höhe des Turmes mit jedem Block zunahm.

Seine Familie hatte mit ihrer Hände Arbeit dazu beigetragen, daß sich das Gepräge der Stadt grundlegend verändert hatte Die Stadt besaß jetzt einen Dom.

Erst durch dieses Wahrzeichen wurde aus der Ansiedelung eine Stadt von echter Größe.

Mit dem Bewußtsein dieser Bedeutung, die seine Familie aus den vielen anderen hervorhob, einem Bewußtsein, das er regelmäßig erneuerte, indem er das Kirchenschiff in seiner fröstelnden Kälte und in seinem mysteriösen Licht der ganzen Länge nach durchschritt, wußte er, während seine Schritte über den Steinboden hallten, wußte er, während er das Echo dieser Vergangenheit vernahm, daß er selbst, als Individuum, ein Nichts war.

Er war ein Nichts wie alle anderen, die wie die kurzlebigen Kerzen in einer der düsteren Ecken des Domes flackerten.

Irrlichter.

Er war vergänglich wie die Schmetterlinge, die er in seiner Jugend fing und sammelte, die er auf eine Nadel spießte und hinter Glas konservierte, wie eine brokatverzierte Reliquie, die in der Krypta des Domes aufgebahrt lag.

Aber die Existenz dieses Nichts war ein Faktum und beglaubigte Fakten das einzige, das er anerkannte, das einzig Verehrungswürdige, solange ihm jener Imperativ eines idealistischen Philosophen, der damit dem Anspruch christlicher Nächstenliebe Rechnung trug, zwar wünschenswert, aber letztendlich so wenig kategorisch, so wenig ableitbar wie die Fülle der weißen und rosafarbenen Blüten erschien, die soeben verschwenderisch an ihm vorüberzog.

Aber seine Existenz war notwendig und ein Faktum, das unverkennbar und zwangsläufig eine lückenlose Abfolge von Generationen erforderte, die ihren Fuß breit in die Tür der Zeit gesetzt hatte.

Nur die Familie konnte die eigentliche und wirkliche Erfüllung der "Liebe" sein, sofern dieses Wort nichts anderes als ein trügerisches Luftbild, eine gefährliche Illusion verhüllte und nur sie konnte die Macht der Zeit brechen.

Mit ihm, seiner Existenz, hatte seine Familie über diesen Feind, gegen den Tod des Einzelnen gewonnen, ohne ihn seiner Hand zu entreißen.

Der Turm, er ist das erhabene und beständige Zeichen dieses Triumphs, der sich dem Schwarm von Blicken darbot, die ihn hysterisch und schnatternd umkreisten. E.B.