Elena Becker MA

Postmoderne Polyvalenz oder: die Tendenz zur Nebensache

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Die Schlagworte der die „postmoderne“ Gesellschaft charakterisierenden bzw. die Vielfalt der individuellen Konzepte und Weltentwürfen beschreibenden Strukturmerkmale heißen: „Individualisierung“ und „Pluralisierung“.

Die „prinzipielle“ Gleichrangigkeit, die die einzelnen Individuen einerseits miteinander gleichsetzt bzw. hinsichtlich ihrer Individualität „äquivalent“ macht, soll ebenso zwischen ihren individuellen Vorstellungen und Seinsweisen bestehen.

Es herrscht, anders ausgedrückt, eine egalitäre Gleichgültigkeit ihrer Bewertungen oder „Polyvalenz“, die sich erst im Zeitalter der „Postmoderne“ als generelle und strukturübergreifende Tendenz1 durchsetzen konnte.

Steht an ihrem Ausgangsort die Entwicklung des Einzelnen zum subjektiven Individuum, das sich in den Konzepten von Aufklärung und Idealismus als Weltachse interpretieren durfte, so findet sich das Individuum im Zeichen der gesellschaftlichen Individualisierung von gesellschaftlichen Beziehungen und Verhaltensweisen als punktueller Einzelner wieder, ein atomähnliches Kraftzentrum oder „Monade“(G. Leibniz), das neben anderen und ihnen gleichgestimmt existiert.

Die Beziehung der singulären Individuen zueinander, die einen gesamtgesellschaftlichen Typus ergeben, der nur vom Single“ im besonderen repräsentiert wird, ist dem gegen- und wechselseitigen Verhältnis qualitativer Eigenschaften und „Materien“ vergleichbar, die G.W.F. Hegel in seiner „Wissenschaft der Logik“ exponierte: „ein äußerliches Aggregat von „Neben“ und „Auchs“, eine, nach Hegel aber ebenso wohl

„widersprechende Vermittlung des selbständigen Bestehens mit sich durch sein Gegenteil, nämlich durch seine Negation,...“.(G.W.F. Hegel. Wissenschaft der Logik II.S. 143)

Die individuelle „Punktualität“, die Hegel auch für das immaterielle Dasein der „Seele“ bzw. der „Psyche“ geltend macht, ist einerseits -anderes- negativ ausschließend, andererseits vielfältig von anderem, das sich außerhalb von ihm befindet, abhängig und darauf („relational“,„referentiell“) verwiesen.

Der Grund seiner individuellen Eigenschaften, das (Subjekt-)Zentrum, unterliegt einem ihm immanenten und notwendigen, exzentrischen „Gesetz“, sich zu „dezentrieren“, in anderes überzugehen (transzendieren) und sich in seine existentiellen Bestandteile „aufzulösen“.

Unter dem Aspekt des Individuums ist seine „materielle“ Existenz nur durch die peripherische Exzentrizität aufrecht zu erhalten, v.a. als berufliche Existenz und „Identität“, die es kraft seiner individuellen „Eigenschaften“ besitzt.

Die dazu notwendige Kommunikation mit der Außenwelt, für die es tätig und aktiv ist, erfolgt, gerade im konkreten Außenbezug und insbesondere dann, wenn Individuum und Gesellschaft ein „ideales“ Verhältnis auszeichnet, aufgrund einer entgegengesetzten „Negativität“, nämlich einer unabhängigen “Selbständigkeit“.

Die u.a. berufliche Unabhängigkeit basiert auf einem Selbständigkeitskonzept, das keine speziellen d.h. inhaltlichen Anforderungen erfüllen muß.

Es muß lediglich der absolut notwendigen (Mindest-)Anforderung genügen, daß es sich von anderen „wesentlich“ unterscheidet.

Die „Bewertung“ des individuellen Konzeptes entfällt nach diesem pluralistischen und insbesondere postmodrnen Verständnis, außer, inwiefern es für den Einzelnen „sinnvoll“ ist.

Die Polyvalenz arrivierte zum durchgängigen und durchdringenden Prinzip der persönlichen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Beziehungen.

H.-G. Vester schreibt hierzu:

“Mit der Tendenz zur Polyvalenz haben wir es (aber) nicht nur im Bereich der Geopolitik und der Sozialgeographie zu tun. Auch in den Sinnsystemen, den Ideologien, den semantischen Codes steht Aussage gegen Aussage, Bedeutung gegen Bedeutung. Es gibt nicht den einen, unzweideutigen Code, der alles bestimmt und regelt, nicht die eine Wahrheit oder Vernunft. Dieser Pluralismus von Bedeutungen, Ideologien, Mythen, Logiken und Rationalitäten hat sich natürlich schon in der Moderne entwickelt. Aber die Moderne und der Modernismus haben sich schon immer schwer damit getan, die Polyvalenz anzuerkennen oder sich damit abzufinden, daß jede einzelne Bedeutung ambivalent sein kann.“(H.-G. Vester. Soziologie der Postmoderne. S. 44)

Die demokratisch geregelte Gleichrangigkeit der Individuen und ihrer Sinnkonzepte verwirklicht ein Freiheitsverständnis, das auch und gerade von moralischen Implikationen vollständig befreit scheint.

Der (das) Einzelne ist nach Hegels Verständnis zwar nicht nur monadisches bzw. isoliertes Sein, sondern das Resultat seiner Rückkehr aus den wechselseitigen Außenverhältnissen bzw. individuellen Erfahrungen und Abhängigkeiten.

Tendentiell jedoch ist die zivilisatorisch bedingte Vereinzelung rückfällig: in eine psychischere Seinsweise und Unmittelbarkeit, die, Hegel zufolge, eine „niedrigste Vorstellung“ des Verhältnisses zwischen Einzelnem und gesellschaftlichem „Allgemeinen“ bezeichnet, Hegel:

“dies äußerliche Verhältnis desselben als eines bloß(sic) Gemeinschaftlichen“.(Hegel, ebd. S. 300)

In diesem Stadium wandelt sich das Bewußtsein der subjektiven „Freiheit“ bzw. der Autonomie, die seit Immanuel Kant zum absoluten Wertmaßstab erhoben wurde, in das -bloße- „Interesse“ der eigenen Existenzsicherung, das nach Auffassung des englischen Gesellschaftstheoretikers Adam Smith (1723-1790) eine -wirtschaftlich- fundierte Vereinigung der „freien“ Individuen darstellt.

Die für den politisch-ökonomischen „Liberalismus“ prägend gewordene Idee der „invisible hand“ setzt auf die eigengesetzliche Dynamik dieser Interessen, ohne in sie -politisch, staatlich o.ä.- einzugreifen.

Das Zusammenspiel der Kräfte erstreckt sich jedoch nie auf eine gemeinsame Sache, sondern auf die je eigene und ihren Vorteil.

Der Altruismus ist kein erklärtes Ziel dieser von Grund auf egoistisch angelegten und handelnden Gesellschaft, wenn auch ein beiläufiges Nebenprodukt allgemeinen Wohlergehens oder „welfare“(A. Smith), in dem Konflikte ein- und vorprogrammiert sind.

Das überindividuelle Bewußtsein, das der -transzendentale- Idealismus Kant und Hegel zu inaugurieren versuchte und sich etwa in den gesamteuropäischen Idealen einer internationalen Friedensgemeinschaft artikulierte, scheint darin – im Sinne F. Nietzsches- „untergegangen“ zu sein und sich ins Gegenteil verkehrt zu haben- umso dramatischer, als ihre politische Realisierung unmittelbar ansteht.

Gerade ihre konkrete Gestalt und ihre Bedeutung für den Einzelnen scheint über manche mehr oder weniger irrationale Erwartungen und Befürchtungen hinaus, zur Verhandlung zu stehen.

Das Ideal der „Gleichheit“, das jede persönliche Freiheit „ungeachtet“ des Einzelnen garantiert, kann das physische Individuum nicht für seine Idee gewinnen, das um seine Interessen bangt.

Gleichzeitig entwickelt das Ideal eine ökonomisch ausgerichtete Logizität, die, wie sehr es sich auch auf den Einzelnen und seine subjektive Freiheit legitimatorisch beruft, das einzelne Subjekt einrechnet und nivelliert.

Der Einzelne in abstracto ist nicht mehr identisch mit dem Individuum als geistiges Subjekt und Existenz, die sich in äußerlichem Austausch mit der (Wirtschafts-)Gemeinschaft befindet und in einer (Währungs-)Einheit fusioniert ist.

Wie die Idee überhaupt einer pluralistischen und darin individualistischen Gemeinschaft von der Gruppierung derjenigen, die darin eine Entwertung ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Eigenständigkeit sehen, „stimmungsmäßig“ abgelehnt wird, richtet sich der aktionistische Protest gegen die materialisierende Tendenz, das nach geistiger Selbständigkeit strebende Individuum großmaßstäblich in eine übergeordnete Systemorganisation zu integrieren.

Das -fälschlich- interpretierte darwinistische Prinzip des „survivals of the fittest“, das nur den wirtschaftlich u.a. Stärksten eine Überlebenschance einräumt, gibt dem einen aus „Selbstinteresse“ heraus ebenso Anlaß zur Befürchtung wie dem anderen aus prinzipiellen Gründen.

Diese divergierenden Motivlagen entspringen der Zentralforderung des Idealismus Kants, dem „kategorischen Imperativ“, der sowohl Übergriffe auf die individuelle (Gewissens-)Freiheit wie auf das „Eigentum“ verbietet, außer, wie Kant in der „Kritik der praktischen Vernunft“ proklamiert, von seiten einer „petitio principii“ -gerechten- „Obrigkeit“2.

Die individuellen Motive bezeichnen die äußere (materielle) wie innere (geistige) Unabhängigkeit der einzelnen Person, die nicht „Sache“, sondern „Zweck an sich selbst“ ist und keinem anderen Zweck als dem eigenen und als solchen „allgemein“ legitimierbaren Zweck unterworfen sein darf.

Allerdings unterscheidet beide Seiten ein unterschiedliches Verhältnis zur „Macht“, die vom vorwiegend unpolitischen und positivistischen Alltagsmenschen meist eher befürwortet wird als von einem Individuum, das zur intellektuellen Skepsis neigt.

Beide nehmen zueinander polare Extrempositionen ein.

Die weitaus größere dazwischen liegende Mehrheit aber reagiert auf die politische Pragmatik der „Globalisierung“, sei sie ideologisch oder wirtschaftlich intendiert, „elastisch“ und vielleicht mit einem gleichgültigen Achselzucken.

Ohne eine Ideologie für sich zu reklamieren, wird sie von diesen -individualistischen- Einzelnen ausgelebt.

Ihre Gruppierung ist die reale Gestalt eines über die subjektivistische bzw. philosophische Tradition selbstverständlich und unhinterfragt übernommenen Individualismus, der sich von keiner Seite aufdiktieren läßt.

Das „Zarathustra“- Manifest Nietzsches, das zur Umwertung aller Werte, inklusive der Gleichheit aufrief, ist für diese Generation ebenso unbedeutend und eine Ansammlung von leeren Sprüchen wie das Regelwerk der bis in die 1968-er hinein umkämpften Werte und Tugenden, die heute teils wieder angesagt sind.

Längst hat sich der mentale Horizont des Denkens und Lebensstils sowie der Aktionsradius des „global players“, der die Entwicklung für sich nutzt, um sich in ihr wirtschaftlich etc. zu verwirklichen, über die „nationalen“ Grenzen hinaus erweitert.

Er mag darin dem „Renaissancemenschen“ nahe stehen, der die Grenzen der Erde erforscht und die Kleindimensionalität überwindet, in der, F. Nietzsche, der „letzte Mensch“3 lebt, der „alles klein macht“(ebd.)- und in die doch, gerade in der „globalisierten“ Welt, alles zurückdrängt und -fließt.

Wie sehr aber die Begriffe der individuellen Freiheit und Lebenskonzepte zu unserer -geistigen- „Tradition“ gehören, offenbart sich -auch und zumal- in der Gegenreaktion eines außereuropäischen Fundamentalismus, der den Pluralismus der Werte als nihilistische „Wert-losigkeit“ interpretiert und bekämpft. E.B.